Geschichtsdokumente.de

Die Datenbank umfasst 1746 Artikel in 46 Kategorien.





A5-Broschüre der SPD „Wohin wir treiben?“, vermutlich in der zweiten Jahreshälfte 1926 nur an spezielle Funktionäre ausgegeben.

Diese Broschüre wurde mit einem Namensstempel „Ernst Ruben“ versehen. Vermutlich handelt es sich um diese Person:

„Geboren am 21. September 1880 in Berlin, studierte Ernst Ruben nach dem Abitur 1899–1902 Jura, Politik, Geschichte und Sozialwissenschaften in Freiburg und Berlin. Er gehörte zu den Mitbegründern der Freistudentenschaft, die jede Korpsvereinigung ablehnte und heute als Vorläufer der Verfassten Studentenschaft angesehen werden kann. Nach dem 1. Staatsexamen absolvierte Ruben das juristische Referendariat in Nauen und Berlin. Nebenbei belegte er an der Universität Kurse in Ethnologie, betrieb Sprachstudien und unterrichtete in Arbeiterbildungsvereinen Staatsbürgerkunde. Ab 1907 bearbeitete Ruben als Hilfsrichter beim Landgericht Berlin I Angelegenheiten der Jugendfürsorge, des Adels- und Stiftungsrechtes sowie Arbeitsrechtsfragen. Er hielt Vorträge und publizierte. 1914 bis Ende 1918 war Ruben Richter beim Landgericht Essen. Im Januarstreik 1919 engagierte sich Ernst Ruben als Vorsitzender der „Neunerkommission“ des Essener Arbeiter- und Soldatenrates aus MSPD, USPD und KPD: sie sollte die Sozialisierung des Bergbaus vorantreiben und den Bergarbeiterstreik beenden. Ab Juni 1919 war Ernst Ruben acht Jahre Richter beim Landgericht Berlin I – mit Ausnahme seines Engagements als Staatskommissar in Braunschweig von Oktober 1920 bis März 1922, wo er an der Ausarbeitung der Verfassung mitwirkte und die erste Landtagswahl überwachte. Seit 1920 SPD-Mitglied, gehörte er dem Republikanischen Richterbund und der 1925 gegründeten Vereinigung sozialdemokratischer Juristen an. Mit der Etablierung eines Berliner Landesarbeitsgerichtes wurde Ruben zunächst Stellvertreter und Anfang 1928 Vorsitzender. 1932 verließ er die SPD.

Seit 1926 war Ernst Ruben in zweiter Ehe mit Johanna Holtfreter verheiratet, 1927 wurden die Tochter Ilana und 1928 der Sohn geboren. Die Familie lebte am Hafenplatz nahe Potsdamer Platz.

Nach dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurde Ruben als Jude und Sozialist mit einem reduzierten Ruhegehalt entlassen. Die Familie musste die Wohnung aufgeben und zog in eine Wohnung in die Eisenacher Straße 48; das Haus gehörte der Schwiegermutter. Sein Schutz war in den folgenden Jahren seine von den Nationalsozialisten als „privilegierte Mischehe“ kategorisierte Verbindung, die ihn vor der Deportation bewahrte. Nach einem Knöchelbruch, den er sich am 2. Januar 1944 bei einem Sturz auf dem Weg zum Luftschutzbunker zuzog, ließ man ihn als Juden im Auguste-Viktoria-Krankenhaus fünf Tage unbehandelt liegen. Schließlich kam er ins Eberswalder Krankenhaus, wo man den Bruch am 13. Januar eingipste, aber – auch hier weil er Jude war – ihn nicht weiter versorgte. Am 19. Januar 1944 starb er an den Folgen der verweigerten Versorgung.

Am Arbeitsgericht, Magdeburger Platz 1, gibt es einen Stolperstein. Am 19. November 2012 wurde auf Initiative der Tochter ein weiterer Stolperstein am ehemaligen letzten Wohnhaus verlegt.“ (aus Stolpersteine in Berlin / Stand 21.02.2019)

 


Kategorien: 1918-1933